Vor fast 25 Jahren diskutierte ich mit Freunden in Köln über Integrale Erziehung. Gesagt, getan gründeten wir eine Kindertagesstätte auf Grundlage der integralen Ideen des indischen Philosophen Sri Aurobindos.
Schließlich fuhr ich nach Indien und lebte kurzzeitig in dem Gemeinschafts Projekt Auroville und arbeitete in dem dortigen Kindergarten mit. Die Arbeitsweise war ebenfalls auf Grundlage die Philosophie Sri Aurobindos und Mira Alfasse, Die Mutter, entstanden.
Ich war beeindruckt, wie positiv eine integrale Erziehung auf Kinder aus verschiedenen Nationen wirken kann. Tägliche Stille-Meditation war für die Kinder eine selbstverständliche Praxis. Ziel sollte die Vervollkommnung und Umwandlung des Einzelnen und der Gesellschaft sein. Diese tägliche Übung der Konzentration gelang diesen Vorschulkindern scheinbar mühelos.
Vielleicht fehlt Kindern und Jugendlichen in der heute multinationalen und technisierten Welt einfach die Praxis der inneren Stille im Alltag?
Mira Alfassa, genannt Die Mutter schrieb über integrale Erziehung: Das Hauptziel einer integralen Erziehung nach Sri Aurobindo sei es, für eine neue Welt und eine spiritualisierte Gesellschaft zu arbeiten.
Ich finde, das klingt aktuell und passt in unser 3. Jahrtausend. Ob sie ahnte, wie lange der Veränderungsprozess andauern würde?
Nach Aussagen der Mutter hat integrale Erziehung drei wesentliche Aspekte:
1. Eine ganzheitliche Entwicklung und Vervollkommnung des Einzelnen, die alle Bereiche des spirituellen und materiellen Lebens einschließt.
2. Eine soziale Neugestaltung und schrittweise Entwicklung eines gemeinschaftlichen Lebens, in dem jeder den Platz einnehmen kann, für den er am besten geeignet ist und an dem er seine Kraft für das Wachstum und die Vervollkommnung des Gemeinwesens einbringt.
3. Die Verwirklichung der menschlichen Einheit in einer harmonischen und organisierten Vielfalt in der sich jede Nation ihres wahren Genius und besonderen Platzes in der Welt bewusst wird und ihr Bestes zum Wohle aller beiträgt. (zitiert n. Aurobindo Society)
Wie aktuell diese Ideen sind? Denn wie die Aurobindo Society heute schreibt: „brauchen wir einen notwendigen Bewusstseinswandel, der uns aus der ökonomischen, politischen, sozialen und religiösen Sackgasse herausführt, und es gilt, gesamterzieherisch ein neues Bewusstsein vorzubereiten und im Erdenbewusstsein zu manifestieren
Befinden wir uns noch in der damals beschriebenen Sackgasse?
Descartes bescherte uns mit der Aufklärung den Satz: Ich denke, also bin ich. Das war ein wichtiger Schritt in der menschlich geistigen Evolution.
Doch was wird aus einer Gesellschaft deren Tun und Sein alleine von der Ratio bestimmt wird? Die Grundlagen menschlicher Evolution berühren neben der Ratio auch andere Daseinseinsbereiche: Spiritualität, Soziales Leben, Wertewandel, eben all dem, was eine neue Norm des menschlichen Lebens ausmachen kann.
Insgesamt können partnerschaftliche, integrale Grundlagen in der Erziehung der Entfaltung all dessen dienen, was latent im Wesen des Menschen und seiner sozialen Struktur liegt, dem gesamten, menschlichen Potenzial.
Vieles von dem, was Ken Wilber heute schreibt, lässt sich in den Schriften Aurobindos und der Mutter finden, sehr strukturiert und anschließend in der Praxis der Lebensgemeinschaft und Schulen Aurovilles erprobt.
“Das primäre Ziel der Schulen bestehe dabei nicht darin, brillante Schüler und Studenten heranzubilden, sondern junge Menschen schon ganz früh dahin gehend zu unterstützen, durch eine umfassende, integrative Ausbildung zur Selbstverantwortung in ein höheres Leben hineinzuwachsen.” (Aurobindo Society)
Die Aufgabe der Lehrer sei es, Kinder und Jugendliche nicht zum Anhäufen von Wissen zu animiere, sondern die notwendigen Voraussetzungen für ihre persönliche, intellektuelle, ethische, ästhetische und praktische Entfaltung zu schaffen und so freies Wachstum zu ermöglichen und Freude und Lernen, Leben und Entdecken zu wecken.
Lehrer sehen ihre Funktion dabei eher als Berater, Freunde und Fürsprecher der jungen Menschen und sehen sich selbst in einem ständigen Lernprozess zur eigenen persönlichen Erziehung und Weiterentwicklung begriffen.
Wie schwer haben es heute Lehrer und Lehrerinnen in einer deutschen Schule eine solche Haltung einzunehmen?
Diese Partnerschaftliche Erziehungsweise stellt für Sri Aurobindo und die Mutter das beste Mittel dar, um uns Menschen optimal darauf vorzubereiten, das höchste spirituelle Wissen zu empfangen, das die Menschheit zu einem neuen, vollkommenen Menschentyp umformen wird. Der Same für einen großen Schritt in der Evolution wird im kleinen Lebensrahmen der Schule vorbereitet.
Diese Ideen wurden in der Theorie diskutiert und im Experiment neuer Formen von Lebensgemeinschaften zum Blühen gebracht.
Wenn wir Grundlagen schaffen wollen für eine andere Zukunft, lohnt es sich, das eigene Leben so zu verändern, dass unser Tun der Weiterentwicklung der Welt und anderer Menschen dient. Manchmal sind sogar radikale Richtungsänderungen und Wandlungen notwendig.
Ich bin heute keine Erzieherin mehr, doch dem Grundgedanken der Entfaltung menschlichen Potenzials bin ich in meiner Arbeit als Integralis Coach weiterhin eng verbunden.
Es ist eine Freude zu sehen, dass sich Menschen/LehrerInnen für die Entwicklung des eigenen Potenzials im Coaching Zeit nehmen und damit ebenfalls Grundlagen für die Zukunft schaffen.
Ein schönes Wochenende.
Claudia Hargesheimer